
Hospizarbeit: Begleitung bis zum Lebensende
Von Martina Grothe
Osnabrück.
Ein braun-weiß gestreifter Pullover, Jeans, Turnschuhe. Für Bernhard Jakob ist das seine ganz normale Arbeitskleidung. Er ist Krankenpfleger im Osnabrücker Hospiz. Weiße Kittel, Hauben oder sterile Schuhe gibt es hier nicht. Die Menschen sind keine Patienten, sie sind Gäste. Und so werden sie auch behandelt.
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Zuhören: Pfleger Bernhard Jakob pflegt nicht nur den Körper des Hospizgastes, sondern auch seine Seele. Die krebskranke Elisabeth Neuhaus* erzählt gerne aus ihrem Leben. Foto: Martina Grothe |
Jakobs Dienst beginnt um 6.20 Uhr. Die 68-jährige Marianne Hauber* trinkt dann gern im Bett ihren ersten Kaffee. Sie hat Krebs, sie wird bald sterben. So wie die anderen Gäste auch. Die Frau mit der großen Brille und dem lichten, braunen Haar weiß, dass der Tod nicht mehr weit entfernt ist. „Man muss es nehmen, wie es kommt“, sagt sie immer wieder.
Ein kleiner bunter Wecker und eine Keksdose mit Lebkuchen stehen auf ihrem Nachttisch. An der Wand tickt unablässig eine blaue Ikea-Uhr. „Die Zeit ist ihr sehr wichtig. Den meisten Gästen ist die Zeit sehr wichtig, denn sie ist begrenzt“, sagt Jakob. Marianne Hauber nickt zustimmend.
Um 8.45 Uhr möchte sie frühstücken. Sie ist nicht die Erste in der Wohnküche. Eine ihrer Zimmernachbarinnen ist schon da. Ein paar Floskeln werden ausgetauscht, es wird über die vielen Tabletten gemurrt. Im Hintergrund läuft leise klassische Musik. Auf dem Flur pfeift jemand.
Sektfrühstück im Hospiz
Langsam füllt sich die Küche. Es kommen Ehrenamtliche, weitere Gäste, ein paar Angehörige. Auch Bernhard Jakob gesellt sich spontan dazu. Nicht jeden Tag sitzen alle so gemütlich beisammen. Nicht jeden Tag geht es allen Gästen so gut. Schwester Petra nutzt die Gelegenheit: „Wer hat Lust auf einen Schluck Sekt?“ Auch das gibt es ab und zu im Hospiz – Sektfrühstück. Ein halbes Glas Orangensaft, ein halbes Glas Sekt, da sagen die wenigsten Nein.
Ehrenamtliche, Hauswirt-schafterinnen, Krankenschwestern und -pfleger, psychosoziale Betreuer: Jeder hat hier seinen Aufgabenbereich, und doch lässt sich dieser nie klar abgrenzen. Bernhard Jakob pflegt nicht nur den Körper, sondern auch die Seele der Menschen. „Wir arbeiten hier rollenübergreifend. Wir passen uns den Gästen an“, sagt der 25-Jährige. Jakob kennt die Geschichte, die Vorlieben, die Abneigungen der Gäste.
Ein kühles Bier und Rührei. Der krebskranke Manfred Schmidt* lächelt den jungen Pfleger an. Er erinnert sich an das appetitliche Abendessen, das er sich am Vortag ausnahmsweise genehmigt hatte. „Kein Tag verging, an dem er sich nicht rasiert hat“, sagt seine Frau und streichelt Manfred Schmidt über die glatte Wange. Sie spricht oft für ihren Mann, denn das Reden fällt ihm schwer.
Maria Schmidt* ist zusammen mit ihrem Mann in das Hospiz gezogen. „Zu Hause hätte ich keine ruhige Minute mehr“, sagt sie. Sie schläft auf einem Schlafsofa direkt neben seinem Bett. Persönliche Gegenstände gibt es hier nicht. „Er bekommt dann nur Heimweh“, sagt sie leise und nickt zu dem 75-Jährigen hinüber. Sie weint. Gemeinsam mit Bernhard Jakob wäscht sie ihren Mann. Er die rechte Seite, sie die linke. „So können die Angehörigen Anteil nehmen, wenn sie möchten“, sagt Jakob.
| Die Kerze ist ein zentrales Symbol im Hospiz. Sie wird entzündet, wenn ein Gast gestorben ist. Foto: Martina Grothe |
Seit vier Jahren arbeitet der Gesundheits- und Krankenpfleger im Hospiz. Die Furcht vor dem eigenen Tod habe er hier verloren. „Ich habe gesehen, dass mit einer gezielten Schmerztherapie ein friedlicher und angstfreier Tod möglich ist“, sagt Bernhard Jakob.
Gemeinsam lachen und weinen
Aber wie viele Tote verträgt der Mensch? Diese Frage hat sich der 25-Jährige schon oft gestellt, aber die Antwort kennt er nicht. „Die Dankbarkeit der Menschen entschädigt für vieles“, sagt Jakob. Und dann sind da noch die Kollegen. Der Umgang unter den Mitarbeitern und mit den Gästen ist liebevoll, manchmal wird gemeinsam gelacht, manchmal gemeinsam geweint. Das Wort Gemeinschaft fällt auf beiden Seiten häufig.
„Die Atmosphäre ist familiär“, sagt Elisabeth Neuhaus*. Die 90-jährige Dame hat schneeweißes, volles Haar. Ihre dunklen Augen schauen wach in die Welt und doch sehen sie nicht mehr richtig. Nach dem Frühstück hat Bernhard Jakob sie auf ihren Wunsch hin ins Bett gebracht. Er setzt sich zu ihr und hört Elisabeth Neuhaus aufmerksam zu. Sie erzählt von ihren vielen Reisen, ihrem Haus, ihrem Garten. Auf jeden Gast kommen 1,3 Pflegekräfte. Zuhören ist hier deshalb erlaubt.
Anders als das Ehepaar Schmidt hat Elisabeth Neuhaus es sich in ihrem Zimmer gemütlich gemacht. Fotos von ihrer Familie und ihrem Geburtstag hängen an einer großen Pinnwand. Orchideen stehen auf einem Holzregal. Ein Stapel CDs liegt auf ihrem Nachttisch – Mozart, Schumann, ein Hörspiel von Oscar Wilde.
Irgendwie müsse man sich ja beschäftigen, sagt die unheilbar krebskranke Frau. Auf der kleinen Terrasse hat sie Blumen gepflanzt – Fuchsien. „Die verblühen jetzt langsam“, stellt sie fest. Ihre Gedanken schweifen ab. Ein paar Minuten später sagt sie: „Ich würde mir wünschen, noch eine Weile in meinem Haus leben zu dürfen. Ich vermisse meinen Garten.“
Die meisten Hospizgäste hegen diesen und ähnliche Wünsche. „Natürlich können wir ihnen nicht ihr Zuhause bieten, aber wir können versuchen, hier einen würdigen Ersatz zu schaffen“, sagt Bernhard Jakob. Während seiner Ausbildung in Berlin lernte er in Krankenhäusern. Die Patientenpflege sei dort eher eine Massenabfertigung gewesen, sagt er.
Selbstbestimmend leben
Seinen Zivildienst leistete er im Osnabrücker Hospiz. Er wollte einen anderen Bereich der Pflege kennenlernen. „Im Krankenhaus legt der Mensch seine Identität ab, verliert seine Selbstbestimmung“, sagt Jakob. Für das Hospiz habe sich jeder Gast bewusst entschieden. „Das Verständnis von Pflege, das mir in der Ausbildung vermittelt wurde, kann hier tatsächlich umgesetzt werden.“
Und wenn es letztlich tatsächlich heißt, Abschied zu nehmen? „Dann geschieht auch das in Würde“, sagt Jakob. Im Flur wird eine Kerze entzündet. Für jeden ein Zeichen, dass ein Gast gestorben ist. Der Verstorbene wird in seinem Zimmer aufgebahrt. Angehörige und das Hospizpersonal können gemeinsam Abschied nehmen.
Auch dabei werden die Wünsche des Gastes berücksichtigt. „Einer war Fußballfan und wollte gerne sein HSV-T-Shirt mit den Originalunterschriften der Spieler tragen“, sagt Bernhard Jakob und lächelt.
Gelächelt wird sowieso sehr oft im Hospiz. Die knappe Zeit, die manchem Gast bleibt, wird gelebt, nicht verschwendet. Hier kann der Mensch noch einmal Mensch sein, bevor er für immer geht.
*Namen geändert
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