
Bei der Rückkehr nach Kambodscha wartete niemand mehr
Von Klaus Jongebloed
Phnom Penh.
Die tropische Hitze in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh ist in diesen Tagen kaum zu ertragen. Als ob T.S. Eliot den Anfang seines Gedichts vom wüsten Land auf diese Stadt und dieses Land gemünzt hätte: April ist der grausamste Monat. Das gilt nicht nur wegen der Temperaturen. Denn heute, am 15. April, kommt man nicht umhin, an den Diktator zu denken, der das Land am Mekong auf bestialische Art in die Hölle stürzte: Vor zehn Jahren starb Pol Pot oder „Bruder Nr.1“, wie er in der von ihm aufgebauten Guerillaorganisation Rote Khmer ehrfürchtig genannt wurde.
Saloth Sar, so Pol Pots richtiger Name, hing dem ideologischen Wahn eines Urwaldmarxismus an. Er wollte einen Bauernstaat schaffen, in dem es keinen Platz für Banken, Bibliotheken, Schulen und Universitäten gab. Dafür war ihm jedes Mittel recht. Pol Pot wurde zum Schlächter, der sich am Blut der Gefolterten und Getöteten berauschte und das eigene Volk niedermetzeln ließ. Seinem von 1975 bis zur Invasion Vietnams Ende 1978 wütenden Terrorregime fielen 1,7 bis zwei Millionen Menschen zum Opfer – fast ein Drittel der damaligen Bevölkerung.
Viele starben auf den „Killing Fields“, eines davon in der Nähe der Hauptstadt. Erschossen, erschlagen, erhängt. Oft waren sie zuvor gequält worden im Folterzentrum Tuol Sleng unweit des Stadtzentrums. Als Museum soll es heute die Erinnerung an die Verbrechen wachhalten. Auf nackten Metallbetten sind Folterwerkzeuge der Roten Khmer ausgebreitet. Etwa Zangen, durch die den Häftlingen die Nägel ausgerissen wurden. Die winzigen Zellen, in denen die Häftlinge untergebracht waren, verbreiten einen feucht-modrigen Geruch. Schließlich die vielen Fotos der neu Inhaftierten. Es sind Bilder mit entsetzten Blicken, als ahnten die Häftlinge, welches Leid ihnen widerfahren wird. Doch ein Stuhl, der beim Museumsladen steht, passt nicht so recht zum Mahnmal gegen den Terror. Auf dem Sitz liegen schwarze Sandalen und ein Pappschild mit der Aufschrift „Pol Pot“. „Die sind aus Reifengummi, genau wie Pol Pot sie getragen hat“, sagt die junge Sreyny. „Pro Paar fünf Dollar!“
Schlagartig wird klar, wie gespalten der Umgang der Kambodschaner mit ihrer Geschichte ist. Zugleich sind die meisten verbittert, dass der Tod Pol Pot ein Gerichtsverfahren erspart hat. Denn nahezu jede Familie im südostasiatischen Land hat unter den blutrünstigen Roten Khmer gelitten. Schlimmer noch: Oft gehören Täter und Opfer zur selben Familie oder sind Nachbarn.
Für Gerechtigkeit soll nun ein internationales Tribunal sorgen. „Aber dieses Tribunal kann mir keine Gerechtigkeit bringen und mir meinen Schmerz nicht nehmen“, sagt Bophana Reilly, die zu Besuch in Phnom Penh ist. Ihre Geschichte ist Spiegel eines zerrissenen Landes. Ihre Tränen, die sie beim Erzählen vergießt, sind millionenfach bei anderen geflossen. Bophana ist seit zwei Jahren mit dem Schotten Tom verheiratet. Seit 36 Jahren lebt sie schon in Schottland. Ihre Heimat verließ sie 1972. Damals hatte sie sich gefreut auf die Entdeckung einer fremden Kultur – zusammen mit ihrem ersten Mann, einem hochrangigen Militär unter Regierungschef Lon Nol. „Aber er kehrte zurück, als der Bürgerkrieg immer heftiger wurde“, sagt Bophana. „Ich blieb mit unserem kleinen Baby in Schottland.“
Ihren Mann hat sie nie wieder gesehen. Ihn haben die Roten Khmer ebenso ermordet „wie meine Eltern und elf meiner Geschwister“. Autor Don Cormack, Freund von Bophanas Mann, hat in seinem Buch „Killing Fields. Living Fields“ dessen Schicksal beschrieben, mit einer herzzerreißenden Episode: „Don und mein Mann waren schon mit dem Hubschrauber in der Luft, um das Land zu verlassen. Aber mein Mann ließ sich auf die Erde zurückbringen“, sagt Bophana. Es war sein Todesurteil. Zugleich gehört auch dies zu ihrer Lebensgeschichte: Ihr Schwager ließ sich vier Jahre von den Roten Khmer einspannen, bevor er nach Thailand floh. „Er hatte keine Wahl“, sagt Tom.
Welchen Verlust Bophana durch die Roten Khmer erlitten hatte, wurde ihr 2004 schmerzlich bewusst. „Ich bin damals zum ersten Mal in meine Heimat zurückgekehrt. „Aber es gab niemanden mehr, der im Flughafen auf mich wartete. Niemand. Ich wurde nicht mehr gebraucht“, sagt sie. Selbst die Sonnenbrille kann ihre Gefühle nicht verbergen.
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