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Reportagen 31.12.2008
-

Was vom Mythos übrig blieb

Von Klaus Jongebloed
Osnabrück/Havanna.
Die Silvesterausgabe der in Osnabrück erscheinenden „Neuen Tagespost“ widmete 1958 dem Ereignis nur einige Zeilen. Wer hätte damals auch ahnen können, dass aus der kubanischen Revolution ein 50 Jahre währender Mythos um einen mittlerweile müden Macho entsteht, ein Kult um Kuba und dessen Caudillo Fidel Castro (82)? Diese Legende lebt noch immer, wird gespeist von schier unglaublichen Begebenheiten und von Geschichten über Guerilleros, die mit Glück und Geschick bis heute wie David gegen Goliath vor allem den USA die Stirn geboten haben.

Doch die Helden von einst sind alt geworden. Der Glanz der glorreichen Revolution ist ermattet. Hunderttausende Kubaner sind schon geflohen, vor allem ins Exil nach Florida. Und in Kubas Kapitale Havanna bröckelt der Putz. Die Hauptstadt versprüht Charme, weil sie morbide wirkt – und wird so zum Spiegel der Geschichte. Kuba steht am Scheideweg. Eine Epoche steuert ihrem Ende entgegen mit einem kranken Rebellen im Ruhestand. Es ist gut möglich, dass Castro in einem roten Adidas-Anzug und nicht, wie man es bei ihm gewohnt war, in olivgrüner Uniform auf den 1. Januar 1959 zurückblickt – zunehmend losgelöst von der Macht, die er bis zu seiner schweren Darmerkrankung im Sommer 2006 und zur Amtsübergabe an seinen Bruder Raúl im Februar dieses Jahres unerbittlich in Händen zu halten versucht hat.

In der Meldung der „Neuen Tagespost“ ist von erbitterten Straßenkämpfen in der kubanischen Provinzhauptstadt Santa Clara die Rede. Von Rebellen, die sich „zum ersten Mal im offenen Kampf gegen die Regierungstruppen des Präsidenten Batista“ stellten. Einige Tage später, am 5. Januar, informiert die Zeitung über den Sieg der Guerilleros um „Rebellenführer Castro“. Die Meldung erscheint oben auf der Titelseite – noch über dem Glückwunsch für Bundeskanzler Konrad Adenauer zu dessen 83. Geburtstag. „Ganz Havanna feiert begeistert den Sieg Castros“, heißt es.

Die Anrede Präsident ist indes zu viel der Ehre für Fulgencio Batista: „Er war eine Marionette der USA“, stellt Günther Maihold klar. Diktator Batista, der sich 1952 an die Macht geputscht hatte, habe aus Kuba „eine Spielhölle und ein Vergnügungs-Dorado der amerikanischen Oberklasse“ gemacht, sagt der stellvertretende Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. Batistas Niedergang begann im Morgengrauen des 2. Dezember 1956 mit der Landung der „Großmutter“. „Granma“ hieß tatsächlich die altersschwache Holzyacht, mit der Castro und 80 andere Rebellen vom Exil in Mexiko in den Mangrovensümpfen an der Südküste der Provinz Oriente ankamen. Nicht einmal zwei Dutzend Guerilleros überlebten die Attacken von Batistas Truppen. Aber durch die Flucht ins Gebirge der Sierra Maestra gelang es diesem Häuflein, einer hochgerüsteten Armee zunächst Paroli zu bieten und sie schließlich durch immer mehr Unterstützung der Bevölkerung zu schlagen.

„Für mich ist der Jahrestag kein Grund zum Feiern“, sagt dennoch Bernd Wulffen, deutscher Botschafter in Havanna von 2001 bis 2005, unserer Zeitung. Er nennt „erhebliche Mängel an Demokratie“, etwa die Inhaftierung von Menschen, „die nur ihre Meinung frei geäußert haben“. Dagegen verblasse die „Lebensleistung Castros“. Er habe zwar „seinem Volk und Land Würde und Souveränität gebracht“. Doch Kubas etwa elf Millionen Einwohner seien heute in zwei Klassen gespalten – Dollarbesitzer und Devisenlose. Nach Wulffens Worten braucht Kuba dringend eine Privatisierung der Landwirtschaft und eine Währungsreform. , um das bisher praktizierte System von zwei parallelen Währungen zu überwinden. „Man muss sich das mal vorstellen: Die Hälfte des gesamten Landes ist Ödland!“, sagt der frühere Botschafter. Kuba importiere 85 Prozent seiner Nahrungsmittel. Wenig Hoffnung setzt Wulffen derzeit auf die Opposition auf der Zuckerinsel. „Sie ist zersplittert, hat keine Führungsfigur“, sagt er. Selbst um den Christdemokraten Oswaldo Payá, der 2002 vom EU-Parlament mit dem Sacharowpreis für Menschenrechte ausgezeichnet wurde, sei es still geworden.

Payá sieht die Lage nicht so trist. „Es ist doch ganz gewöhnlich, dass es wie hier auf Kuba in einer Kultur der Angst eine Vielfalt von Oppositionsgruppen gibt“, sagt er im Telefonat mit unserer Zeitung, das vermutlich vom Geheimdienst abgehört wird. Payá hält nichts von den Revolutionsfeiern. „Niemals in all den 50 Jahren hat es Freiheit für uns gegeben – zum Reden, Reisen, Arbeiten.“ Über 200 politische Häftlinge seien derzeit im Gefängnis. Und Raúl Castros Lockerung für Handy-, TV- und PC-Kauf hält Payá für einen plumpen Trick. „Millionen Kubaner leben in großer Armut. Die können sich so was gar nicht leisten“, sagt er.

Einen Lichtblick gibt es gleichwohl: Die 33-jährige kubanische Internetautorin Yoani Sanchez macht mit ihrem Blog unter www.desdecuba.com/generaciony/ Furore. Eine junge Frau redet frei von der Leber und legt den Finger in Kubas Wunden. Ein unerhörter Vorgang 50 Jahre nach dem Sieg von Santa Clara. Welch eine Revolution.

Link Mehr dazu: www.desdecuba.com/generaciony/

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